Kategorie Natur

Wenn die Karstebene gelb und violett wird

Zwölf Monate im Jahr ist die Subbética eine Landschaft aus Stein. Karstfelsen, Olivenhaine, das Grau-Grün der Steineichen. Doch zwischen Mitte März und Anfang Juni schaltet das Gebirge die Farben ein. Die Karst-Hochebenen bedecken sich mit gelben Affodill-Wiesen, an den Rändern leuchten rote Klatschmohnstreifen, an den Felsspalten öffnen sich blaue Sterne der Stacheligen Bergkugelblume, in den Steineichenwäldern blüht die Spanische Pfingstrose in tiefem Karmesin. Sechs bis acht Wochen lang ist Andalusien ein Garten – und nirgendwo eindrucksvoller als auf den Karstebenen der Subbética.

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Der Balkon Andalusiens und die versunkene Ebene

Es ist eine Frage des Standpunkts. Vom Polje de la Nava aus blickt man hinauf – der Picacho de Cabra steht 1.217 Meter hoch, wuchtig, scharfkantig, eine Insel aus Kalk über der Olivenhain-See. Vom Picacho aus blickt man hinunter – die Polje de la Nava liegt unter einem wie eine grüne Schale, eingeschlossen von den Hängen der Sierra de Cabra. Beide Orte sind zwei Gesichter derselben Karst-Geologie: das eine senkrecht, das andere waagerecht. Wer sie beide an einem Tag erlebt, hat den UNESCO-Geopark in seiner Konzentration begriffen.

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1.570 Meter, 360 Grad, die Stille der höchsten Spitze

Der Geodäsiepfeiler am Gipfel des La Tiñosa: 1.570 Meter Höhe und die Weite über Andalusien bis zur Sierra Nevada.

Ein Gipfel hat eine Höhe – und manchmal eine Geschichte, die darüber hinausgeht. Der Pico de La Tiñosa steht mit 1.570 Metern als höchste Erhebung der Provinz Córdoba in der Sierra de la Horconera, dem südlichsten der beiden Gebirgszüge der Subbética. Wer auf seinem Gipfel steht, blickt nach Süden bis zur schneebedeckten Sierra Nevada, an klaren Tagen über die Straße von Gibraltar hinaus bis ins Atlasgebirge Marokkos. Doch der Berg ist mehr als ein Aussichtspunkt: Er ist Geo-Stätte des UNESCO-Geoparks, ZEPA-Vogelschutzgebiet, Lebensraum für Geier und Steinböcke und Heimat einer eiszeitlichen Felsformation, die anderswo in Andalusien so kaum zu sehen ist.

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Der Fluss, der im Stein verschwindet und im Winter zurückkehrt

Es gibt Flüsse, die rauschen das ganze Jahr. Und es gibt den Río Bailón. Er entspringt in einer Hochebene auf 950 Metern, schneidet eine Schlucht in den Kalk, verschwindet wenige Kilometer weiter spurlos in einem Erdloch, taucht zwei Kilometer nordöstlich wieder auf – und führt in den Sommermonaten oft gar kein Wasser. Er ist kein Fluss im konventionellen Sinn. Er ist ein Karstfluss: Geologie, die einmal im Jahr zu Wasser wird.

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Wenn die Kalkfelsen zu blühen beginnen

Drei Höhenstufen, drei Welten. Im Tal: silbergraue Olivenhaine, Tausende Hektar weit, das wirtschaftliche Rückgrat der Subbética. Auf mittlerer Höhe: knorrige Steineichenwälder, oft bemoost, durchsetzt mit Portugiesischen Eichen und Französischem Ahorn, gelegentlich von Flechten überzogen, dass sie wie Zauberwälder wirken. In den Gipfellagen: kahler Kalkstein, Zwergsträucher, eine Felsflora aus Endemiten, die nur in dieser Region wachsen. Wer in der Subbética wandert, durchquert in einem einzigen Tag drei Vegetationsstufen – ein vertikaler Querschnitt durch das mediterrane Andalusien.

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Wo das Wappentier am Himmel kreist

Wer in der Subbética den Kopf hebt, sieht den Himmel selten leer. Über den Karstfelsen kreisen Gänsegeier in weiten Spiralen, ein Wanderfalke zieht im Sturzflug an einer Felswand vorbei, ein Habichtsadler steht still im Aufwind über der Polje. Der Naturpark Sierras Subbéticas ist eines der bedeutendsten Greifvogel-Reviere Andalusiens – Teil des EU-weiten Vogelschutznetzwerks Natura 2000 und mit dem Gipfelmassiv La Tiñosa sogar ein offiziell ausgewiesenes „Besonderes Vogelschutzgebiet“ (ZEPA).

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Wo das Meer einst Berge baute und Fossilien Geschichten flüstern

Sie liegen im Kalkstein wie eingelegte Münzen: dunkle Spiralen, manche fingernagelgroß, manche so groß wie ein Suppenteller. Ammoniten, die Wahrzeichen des UNESCO-Geoparks Sierras Subbéticas, sind Fossilien einer Welt, die es nicht mehr gibt – eines tropischen Urmeers namens Tethys, das vor 200 Millionen Jahren weite Teile des heutigen Andalusiens bedeckte. Wer auf der Ammonitenroute durch den Naturpark wandert, sieht sie im Wegrand liegen, in den Felsabbrüchen, in den polierten Steinplatten der Dorfstraßen. Sie sind das stille Gedächtnis eines Gebirges, das einmal ein Meeresboden war.

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Die Erde, die im Wasser geboren wurde

Karstlandschaft bei Zuheros – verwitterter Kalkstein, ausgewaschen von 200 Millionen Jahren Wasser und Zeit.

Karst ist langsame Geologie. Tropfen für Tropfen löst Regenwasser über Jahrtausende den Kalkstein an, gräbt Rinnen, frisst Höhlen, höhlt ganze Ebenen aus. In der Subbética hat dieser Prozess eine ganze Formenfamilie geschaffen, die sich heute auf einer einzigen Wanderung erleben lässt: ausgewaschene Karren in den Gipfelfelsen, Dolinen wie Trichter in der Hochebene, eingestürzte Simas mit literarischer Vergangenheit – und mittendrin eine Hochebene namens Polje de la Nava, in der ein Fluss entspringt und wenige Kilometer weiter wieder im Untergrund verschwindet.

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Auf schwindelnden Felsen, hoch über der Schlucht

Wer in der Subbética an die Schluchten des Río Bailón tritt und nach oben blickt, hat gute Chancen auf eine Begegnung, die anderswo in Europa selten geworden ist: Hoch oben, auf scheinbar haltlosen Felsabsätzen, steht ein iberischer Steinbock – Capra pyrenaica, die südeuropäische Schwester des Alpensteinbocks. Sein Fell ist sandfarben, seine Hörner sind nach hinten gebogen und tragen tiefe Wachstumsringe wie Jahresringe einer Eiche. Er blickt herunter, ruhig, neugierig, ohne Angst.

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Das Land der Karstfelsen, Olivenmeere und alten Steineichen

Zwischen Córdoba, Málaga und Granada – im Dreieck dreier andalusischer Königsstädte – liegt eine Landschaft, die zur Ruhe zwingt: das Naturpark Sierras Subbéticas. 1.591 Quadratkilometer Kalkfelsen, Olivenmeere und Steineichenwälder; acht weiße Dörfer auf Hügelrücken; ein Gipfel von 1.570 Metern, der bei klarer Sicht den Blick bis ins Atlasgebirge Marokkos öffnet. Seit 1988 steht das Gebiet unter Naturschutz, seit 2006 ist es UNESCO-Geopark – Mitglied des Europäischen Geopark-Netzwerks und Welterbe-Status für eine Erde, die hier in 200 Millionen Jahren entstanden ist.

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Iberischer Wolf in Andalusien: Goldene Augen im Schatten der Steineichen

Sein Gang ist lautlos, sein Pelz aschgrau mit dunklen Markierungen an Rücken und Beinen, sein Blick golden und wachsam: Der iberische Wolf in Andalusien (Canis lupus signatus) ist der scheueste Mythos der Region. Wer durch die Steineichenwälder der Sierras Subbéticas wandert, hört Geier rufen und sieht Steinböcke an den Felswänden – einem iberischen Wolf begegnet er nicht. Sie sind aus der Provinz Córdoba seit Jahrzehnten verschwunden. Und doch ist die Subbética einer der wenigen Orte in ganz Andalusien, an denen sich diese Tiere noch erleben lassen: in halbfreier Wildnis, im Umweltbildungszentrum IberFauna oberhalb des weißen Dorfes Zuheros.

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